Abschied nehmen

Ich habe nie über das Leben oder den Tod nachgedacht. Wie es danach weiter geht, ob es danach weitergeht.

Gestern wurde ich das erste Mal direkt mit dem Tod konfrontiert, dem Tod meines Großvaters. Er war nicht sehr alt oder besonders schwach, nein im Gegenteil er war lebendig, er liebte das Leben, das Reisen um die ganze Welt, seine Familie aber letztendlich hat ihn seine Krankheit in den Tod gerissen. Ich wusste, dass er krank war ich wusste, dass er irgendwann sterben würde, natürlich, aber ich habe es verdrängt. Ich verdränge viele Dinge, wichtige Prüfungen, Gespräche, Konfrontationen mit Ungewissem, aber dieses Mal war es anders. Ich wollte nicht wahrhaben wollen, dass es ein Ende geben würde, nein nicht dieses Mal. Nennt mich einen schlechten Menschen weil ich ihn nie besucht hatte als es ihm so schlecht ging aber ich dachte mir jedes Mal, wenn ich ihn wieder sehe, soll es sein wie immer und nicht im Krankenhaus, er angeschlossen an Schläuchen und Beuteln.

Gestern war die Beerdigung, es kamen unglaublich viele Menschen, Menschen die ich noch nie gesehen hatte, Menschen die er in seinem Leben kennen und lieben lernte und alle wollten von ihm Abschied nehmen. Abschied nehmen, was bedeutet das eigentlich? Heißt das für immer? Sieht man sich niemals wieder?Ich hatte bis gestern kein einziges Mal geweint, nicht weil ich nicht musste, nein wie gesagt, ich habe es einfach verdrängt. Auch in der Kirche war ich mit meinen Gedanken woanders. Ich sah meine Großmutter an, meine Familie, unauffällig wischten sie ihre Tränen von ihren Wangen aber ich war innerlich immer noch leer.
Um die Hundert Trauernden begleiteten ihn bis zu seinem Grabe. Es war ein schöner Platz, umringt von vielen Blumengestecken und Kerzen, die seine Liebenden hinterließen.
Ich hielt mich im Hintergrund, ich wollte nicht sehen wie sein Sarg langsam in die Erde hinuntergelassen wurde, es war für mich alles nicht real, wie ein Traum aus dem ich einfach nicht erwachen wollte.
Ich liebte meinen Großvater sehr, ich liebte seine Witze, seinen schwarzen Humor, ich liebte es wenn er Trompete spielte oder seinen geliebten Gemüsegarten pflegte.

Als ich dann vor dem Erdloch stand in welchem sein Sarg lag, konnte ich es nicht mehr zurückhalten ich stand nur da und weinte. Ich realisierte plötzlich, dass es tatsächlich vorbei war, das kein Familientreffen mehr so werden würde wie früher, dass er weg war. Es fühlte sich wie eine halbe Ewigkeit an, da zustehen und zu weinen, aber gleichzeitig fühlte es sich unheimlich gut an, unheimlich befreiend. All die verdrängten Gefühle konnte ich endlich rauslassen und mich nun gebührend von ihm verabschieden. Meinem geliebten Großvater.

secrily